Träumerei oder Erfolgskonzept? Interview mit kulturcarré-Gründer Michael Schenk

Es ist einer der ersten sonnigen Tage – in meiner Heimatstadt Eisenach treffe ich den Gründer von kulturcarré, einer (Web-)App mit dem Ziel, sämtliche Veranstaltungen der beschaulichen Stadt ins Netz & auf die Smartphones der Umgebung zu bringen. Wir schlendern von unserem Treffpunkt zum einzigen großen Kaufhaus mit Café in der obersten Etage: „Ein bisschen Großstadt-Feeling“, wie Michael sagt.

Interviews sind neu für mich, doch statt geschäftlicher Routine werden erst einmal kulturcarré-Sticker gegen die von clikr getauscht. Michael hat auch noch diverse andere dabei – fast wie eine Lawine überrollen mich die unterschiedlichsten Projekte. Vom Aufkleber eines lokalen Blogs bis zum Stadtradeln, einer Aktion, die auch von Michael ins Leben gerufen wurde, ist alles dabei. Gut versorgt mit Werbeartikeln bestellen wir grünen Tee – biologisch! Zumindest der Teil des Interviews lässt Start-Up-Feeling aufkommen, denn für den Rest des Gespräches fallen keine Begriffe, wie Skalierung, Marketing, Seiten-RPM oder Call to Action. Sehr angenehm…
Das Interview ist kein vorbereitetes Gespräch, sondern lediglich eine Ansammlung von Fragen, die mir während des Teetrinkens gekommen sind.

Interview

Wenn du kulturcarré mit einem Satz beschreiben müsstest, welcher wäre das?
Eine regionale Veranstaltungsplattform, die den Anspruch hat, sämtliche Veranstaltungen, die nicht in irgendeine politische Richtung gehen, links oder rechts, zu promoten.

Wie realisiert ihr das?
Indem wir viel mit Partnern zusammenarbeiten, die die Veranstaltungen einpflegen […] und darüber, dass wir uns selbst hinsetzen, abends ein Bier trinken, ’nen Wein […] oder ’ne Brause und immer mal eine Veranstaltung eintragen.

Die Veranstalter selber tragen also keine Veranstaltungen ein?
Doch – es ist eine Mischung aus unseren Eintragungen und denen von Veranstaltern.

Wie kommt das bei den Veranstaltern an? Gibt es immer mehr, die bei euch ihre Veranstaltung promoten wollen?
Was heißt promoten…das ist ja im Prinzip wirklich eine altruistische Sache – wir glauben daran, dass es gut ist für eine Region, wenn nicht jeder gegeneinander arbeitet, sondern dass man eine Plattform schafft, wo alles zu finden ist, weil das die Leute […] raus zieht. Da sieht man halt: In der Wandelhalle […] oder im Kunstpavillon [beides sind Eisenacher Veranstaltungsorte – Anm. d. Verf.] ist was los und wenn ich dann einmal draußen bin, kann ich mal gucken. Das bringt Synergien und Leben in eine Stadt – glauben wir zumindest.

Jetzt haben wir ein bisschen über die Rolle der Veranstalter gesprochen. Wie funktioniert kulturcarré für die Nutzer, wie bekommen sie von den Veranstaltungen mit?
Ganz einfach – du gehst auf die Startseite, findest die Veranstaltungen für den aktuellen Tag und wenn du scrollst auch bis „Datum X“. Meistens finden sich Veranstaltung bis eineinhalb Jahre im Voraus. In Eisenach ist das […] übersichtlich. Am besten Tag hatten wir 27 Veranstaltungen im Kalender – das ist schon viel, aber dafür gibt es den Filter. Da kannst du halt sagen, dich interessieren nur Jazz-Konzerte an dem und dem Tag, sodass jeder genau das findet, was er möchte.

Ihr habt auch eine kulturcarré-App für Android und Apple – Windows Phone interessiert ja keinen…
Wir denken in letzter Zeit öfter darüber nach ob wir für Windows eine Webview-App raushauen, aber so viele nutzen Windows nicht. Und wenn du dir die Nutzerzahlen für unsere iOS- und Android-App ansiehst, die nicht so beeindruckend riesig sind, dann kannst du auch damit rechnen, dass die Windows Phone App nur 5% der gesamten Nutzer einen Mehrwert bieten würde und das wäre den Aufwand nicht wert.

Wann habt ihr mit kulturcarré angefangen?
2013 glaube ich – im Januar oder Februar.

Wie entstand die Idee? Welche Intention stand hinter der Idee?
[Michael lacht] Du hast dir schon ein paar Fragen überlegt, oder? […] Henning [Mitgründer und Entwickler – Anm. d. Verf.] und ich sind im Sommer zuvor zusammen im Urlaub gewesen und da ging es darum, was man in seiner Freizeit gut machen kann. Da habe ich gemeint, am besten wäre ein Veranstaltungskalender, wo wirklich unabhängig von einer subjektiven Entscheidung sämtliche Veranstaltungen einfach siehst und dir dein eigenes Bild machen kannst. Das habe ich ihm erzählt und wenige Woche später meinte er: „Guck mal, hast du dir das so vorgestellt?“

In Eisenach leben ja jetzt nicht so viele Menschen – gibt es auch Nutzer die von außerhalb kommen und auf kulturcarré schauen, ob sich ein Trip nach Eisenach lohnt?
So genau kann ich dir das jetzt nicht sagen, weil wir unsere Nutzer nicht kennen – es gibt ja keine Nutzeranmeldung oder so was, aber erst mal glaube ich das, da andere Städte in Thüringen solche Kalender nicht haben – die gibt es einfach nicht. Deswegen denke ich schon, dass es eine Außenwirkung hat. Außerdem findet man uns auf Google zu den passenden Suchbegriffen immer unter den Top drei oder vier. […] Es gibt natürlich Veranstalter, die auf ihren Seiten vor allem ein Angebot promoten, dass an Touristen adressiert ist, aber das kulturcarré ist für die Bewohner in und um Eisenach. Schaut man sich die Zugriffs-Statistiken an, sieht man aber, dass die Nutzer nicht nur aus der direkten Umgebung kommen. Ich würde mal sagen, eine gute Hälfte kommt aus Eisenach und die anderen nicht direkt von hier.

In Eisenach wird kulturcarré nun sehr gerne benutzt. Viele Nutzer kommen auch von Außerhalb. Gibt es die Intention das Angebot auf andere Städte oder ganz Thüringen auszuweiten?
Die Idee gibt es natürlich, weil ich glaube, dass man die Synergien, die man in einer Stadt schafft, noch viel mit anderen Städten oder auf Bundeslandebene schaffen kann. Aber dann muss erst einmal eine Station sauber laufen, bevor man eine andere angehen kann, denn wenn man was macht, sollte man das richtig machen. Wir müssten die nächste Stadt mit der gleichen Qualität angehen, wie wir das jetzt mit Eisenach gemacht haben. Außerdem ist es aktuell auch eher ein Hobby und ob das jemals über eine Hobbyebene hinausgeht, wird sich dann zeigen.

Ihr seid ja immer noch zu zweit, oder?
Zu dritt. Wir haben Henning, der die technische Entwicklung übernimmt. Wir betreuen zusammen die Plattform und schmieden Ideen und dann gibt es noch den Jörn aus Magdeburg, der für die App-Entwicklung zuständig ist.

Richard Karsten
Richard Karsten
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Moin! Ich bin Richard, VWL-Student in Halle, Gründer von webdasein und clikr. Ich mag schicke Weboberflächen, Pixel, noch mehr Pixel und SCSS.

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